Gise Kayser-Gantners erster Roman

Ein Buch auf das Leben

GT-Autorin Gise Kayser-Gantner über ihr Buch „Das wird das Jahr deines Lebens“

Der Schriftsteller Lessing trägt Schuld daran, dass sie kurz vor dem Abitur die Schule geschmissen hat. So würde es ihre Mutter ausdrücken. Gise Kayser-Gantner sieht das anders. Lessing hat sie zu verdanken, dass sich ihr Lebenslauf wie ein Abenteuerroman liest. Gelebt mit Leidenschaft. Und mit genau dieser Lebensleidenschaft hat die GT-Autorin nun ihr erstes Buch geschrieben.

 MARIE LISA SCHULZ

GT-Mitarbeiterin Gise Kayser-Gantner veröffentlicht ihren ersten Roman.

GT-Mitarbeiterin Gise Kayser-Gantner veröffentlicht ihren ersten Roman.

Schwäbisch Gmünd. Ihr gesamtes Leben hat sie im vergangenen Jahr in Kisten verpackt. Sie musste ausmisten. Entrümpeln. In eine kleinere Wohnung umziehen. Und da wurden sie wieder lebendig, die Erinnerungen an die vielen kleinen Episoden, die sie zu der Frau gemacht haben, die sie jetzt ist. Gise Kayser-Gantner erzählt gern aus ihrem Leben. Ein Leben, das so bunt, so unkonventionell ist, dass es nicht in ein paar Umzugskisten passen wollte. Wohl aber in ein Buch. Ihren ersten Roman hat sie im Alter von 71 Jahren fertiggestellt. Spät. Sicher. Aber alles andere wäre zu früh gewesen. Sie musste erst die Gelassenheit erlangen, über manche Lebenslektion schmunzeln zu können. Musste die Muße und den Mut aufbringen, sich auf den Schreibprozess einzulassen. Autobiografisch? Nein, autobiografisch ist er nicht, dieser Roman, in dem es um die großen Themen des Lebens geht. Und trotzdem ist ganz viel „Gise“ in ihrem ersten Werk. Das wird spätestens klar, als die 71-Jährige so bildhaft, so farbenfroh und schillernd aus ihrem Leben zu erzählen beginnt, dass Zuhörer das Gefühl bekommen, dabei gewesen zu sein.
Es ist die Wut zu spüren, die in der jungen Gise schlummerte, als sie wenige Wochen vor dem Abitur mit ihrer Deutschlehrerin in einen Streit geriet. Es ging um Lessings Werk „Nathan der Weise“. Gise Kayser-Gantner, damals gerade 19 Jahre alt, brannte förmlich für „Nathan“. Ihre Deutschlehrerin tadelte. Und bewertete die Haltung der jungen Schülerin als ungenügend. Sechs. Gise Kayser-Gantner schmiss das Abitur, begann eine Lehre als Buchhändlerin. „Ich konnte mit Feuer verkaufen“, sagt sie. Kinderbücher hatten es ihr besonders angetan. „Ich wollte den Kindern einen schönen Blick auf die Welt geben.“
Auf eine Welt, auf die sie noch heute neugierig ist. Sie ist viel gereist in ihrem Leben. Hat Reisereportagen geschrieben, ist rumgekommen. Hat dabei die unterschiedlichsten Menschen und Kulturen kennengelernt. Und Gise Kayser-Gantner liebt die Menschen. Mit all ihren Macken, mit all ihren liebenswerten Seiten. Diese Mischung ist das, was sie „Charakter“ nennt. Und genau solchen Charakteren hat sie Raum in ihrem Buch geschenkt. „Ein Buch zu schreiben, war immer mein Traum. Aber immer dann, wenn ich loslegen wollte, kam etwas dazwischen.“ Kinder, Mann, Scheidung, Neuanfang. Jetzt hat sie die Zeit gefunden – und die Ruhe. Motiviert durch einen Schreibkurs bei der Autorin Milena Moser. „Ich habe in dieser Zeit mit meinen Figuren gelebt – und ich habe sie geliebt.“ So sehr, dass ihr manchmal die Tränen liefen. Immer dann, wenn auch das Leben der Romanfiguren nicht nach Plan verlief. Aber Gise Kayser-Gantner weiß: „Ohne Leiden entwickelt sich kein Charakter.“
Während sie von ihrem Roman erzählt, rührt sie in ihrem Kaffee. Sie trinkt nicht. Kommt gar nicht dazu. Erzählt von ihrer Kindheit im westfälischen Schwelm, von ihrer Zeit als Texterin in einer Stuttgarter Werbeagentur. Eine Zeit, in der sie viel Geld verdiente, jedoch das Leben verlernte. Erzählt von den Jahren, in denen sie gemeinsam mit ihrem ersten Mann, einem Maler, und zahlreichen Künstlern in einer alten Direktorenvilla lebte. 13 Zimmer, vier Stockwerke, fünf Badezimmer. Von dem Jahr in England, in dem sie Einwanderer die englische Sprache lehrte, von den Reisen, die sie durch die ganze Welt führten. Versprüht dabei diese Begeisterung, die nur Menschen versprühen können, die das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen lieben. Und dann gesteht sie etwas, was man dieser Frau fast nicht zugestehen will. Lampenfieber. „Ich bin wahnsinnig aufgeregt“, sagt sie. Darauf, endlich das Buch in den Händen halten zu können. Geliefert wird es am Mittwoch. „Ich habe immer gewusst, dass ich nie über etwas schreiben werde, das ich nicht kenne.“ Herausgekommen ist ein Buch über das Leben. Nicht mehr. Nicht weniger.

Öffentliche Vorstellung des Buches „Das wird das Jahr deines Lebens“ am Donnerstag, 28. Juli, 18 Uhr, Villa Seiz. Musik von „Musica est-ovest“. Das Buch erscheint im Einhorn-Verlag.

© Gmünder Tagespost 25.07.2016 20:30

 

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